100 Jahre Kriegsopfer-Ehrenmal in Ehrentrup

Lage-Ehrentrup.
In der Nähe des Knicks, wo in Ehrentrup der Alte Schulweg übergeht in die Dorfstraße, da steht das Kriegerdenkmal bzw. das Ehrenmal – und das seit 100 Jahren. Wenn am Volkstrauertag kommenden Sonntag, 13. November 2022, dort um 14 Uhr während einer kleinen Gedenkfeier für die Opfer beider Weltkriege ein Kranz niedergelegt wird, lohnt es sich gewiss, einmal an die Geschichte und die Entstehung dieses Ehrenmals zu denken und sich tatsächlich die Namen derer anzuschauen, an die hier erinnert wird. Denn während die Geschichte des Denkmals sich vor 17 Jahren durch einen Zufall recht deutlich offenbarte, geben einige Namenseinträge Rätsel auf.
Etwa 120 Kriegerdenkmale bzw. Ehrenmale sind während der Weimarer Republik im Freistaat Lippe errichtet worden, die weitaus meisten in den Jahren 1921 bis 1923. Das Ehrenmal in Ehrentrup ist eines davon. Die in der Regel deutschnational gesinnten Erbauer der Denkmale standen unter dem Eindruck der militärischen Niederlage vom November 1918 und des Todes von zwei Millionen deutscher Soldaten – eine bis dahin nicht vorstellbar gewesene hohe Zahl. Weiter litten die Denkmalväter unter dem Verlust der Monarchie durch die Revolution im November 1918 und unter dem als Schmach und Demütigung empfundenen Vertrag von Versailles von 1919, wozu sich später noch der ökonomische Absturz durch die Inflation gesellen sollte.
Auf der vom Lemgoer Historiker Georg Heil betreuten Internetseite „Kriegerdenkmäler in Lippe“ heißt es: „Erstens erinnerten sie an die Männer, die ihr Leben als ein aktives Opfer für ihr Vaterland gegeben hatten. Sie sollten auf den Denkmälern ein stets sichtbares Vorbild für die nachfolgenden Generationen bilden.
Zum anderen sollten die Denkmäler der Gegenwart, die als schwer erträglich und trostlos empfunden wurde, in Bezug auf den politischen, ökonomischen und militärischen Stand Deutschland nach Innen und Außen, als ein nach damaliger Diktion „Trostzeichen“ dienen. „Trostzeichen“ insoweit, da die Denkmäler ja von einer Zeit berichteten, in der Deutschland eine glänzende Monarchie war und ökonomisch und vor allem militärisch groß und mächtig war und mit anderen Nationen im Kampf um Weltgeltung und Weltherrschaft stand. Konnte man doch an den Denkmälern ablesen, an welch bis dahin unbekannten Orten und weit entfernten Ländern, ja Kontinenten und Meeren die Männer aus dem Dorf gekämpft hatten und gestorben waren.“
Das Ehrentruper Denkmal wurde wie viele andere Ehrenmale nach dem Zweiten Weltkrieg verändert und erweitert. Auch an die Gefallenen, Vermissten und Verstorbenen des Zweiten Weltkriegs sollte erinnert werden. Das erweiterte Denkmal trägt die Inschrift: „Unseren Helden der Weltkriege 1914 - 18 u. 1939 - 45 / die dankbare Gemeinde Ehrentrup“.

Renovierung 2005
Als zum Volkstrauertag 2005 (ebenfalls am 13. November) die damalige CDU-Ortsunion Ehrentrup (heute Ortsunion Lage-Süd) das Denkmal an der Dorfstraße verschönern bzw. herrichten wollte, wurden die Mitstreiter um den Ortsunionsvorsitzenden Friedrich Schnüll gewahr, dass die Arbeit mit einer optischen Verschönerung (Zurückschneiden des Grüns, Reinigung der Namenstafeln) nicht getan war. Die ehrenmaleinfriedende Bruchsteinmauer war ein Sanierungsfall. Für das Instandsetzen stellte die Stadt 2.000 Euro zur Verfügung und beauftragte einen Fachbetrieb. Die aus dem Jahr 1953 stammende Namenstafel der gefallenen Soldaten des 2. Weltkriegs konnten die Ortsunionsmitglieder noch selbst reinigen und konservieren. Die gut drei Jahrzehnte älteren und entsprechend stärker verwitterten Erinnerungstafeln für die WK-I-Gefallenen ließen sich mit „Bordmitteln“ nicht sanieren. Dafür wurden Steinmetzarbeiten erforderlich.
Beim Abnehmen der Namenstafeln fanden Friedrich Schnüll und die anderen Helfer Überraschendes: eine mit verschiedenen Dokumenten gefüllte Zeitkapsel, die bei der Erbauung 1922 zur Überlieferung an die Nachwelt eingemauert worden war. In der Zeitkapsel fanden sich Notgeldscheine, darunter ein vom Lagenser Rat im Februar 1921 herausgegebener 50-Pfennig-Schein, eine Ausgabe der Zeitung „Hannoverscher Kurier. Zeitung für Norddeutschland“ vom 2. Oktober 1922 und ein „Dokument zur Erinnerung für die Nachwelt“. Alle Belege wurden dem Stadtarchiv Lage überlassen und sind dort einsehbar. In dem pergamentenen „Dokument“ wurden der Anlass und der Werdegang des damaligen Kriegerdenkmals rekapituliert. Die frühere Stadtarchivarin Christina Pohl hat den Text wortgetreu aufgeschrieben. Hier ein Auszug daraus:

Zwei Tafeln 1922
„Dies Denkmal wurde im Jahre 1922 von den Bewohnern der Gemeinde Ehrentrup zur Erinnerung an die Gefallenen u. Vermissten in dem großen Völkerringen 1914 – 18 errichtet. 160 Männer und Jünglinge aus Ehrentrup im Alter von 17 bis 50 Jahren haben auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen gekämpft. Von diesen sind 44 gefallen u. 2 vermißt. 6 Witwen betrauerten ihren Ehegatten, 20 Waisen ihren Vater, 32 Elternpaare ihre Söhne, manche Braut ihren Verlobten. 9 Elternpaare verloren je 2 Söhne. Schwer verwundet kehrten 4 Helden zurück.“
Die Namen der 46 Kriegsopfer wurden auf zwei Tafeln verewigt: auf der einen Tafel 24, auf der anderen 22 Namen.

Eine Tafel 1953
1953 kam noch eine große Namenstafel hinzu mit 129 Opfern des 2. Weltkriegs. Erinnert wird hier an Gefallene, Vermisste und Gestorbene. Letztere starben nach dem 9. Mai 1945, dem zweiten Tag der deutschen Kapitulation. Vermutlich stand ihr Tod in einem unmittelbaren Zusammenhang mit ihrem Soldatsein. Zum Beispiel können sie in Kriegsgefangenschaft gestorben sein oder an einer Krankheit, die direkt mit dem Kriegseinsatz zusammenhing, aber erst nach dem 9. Mai zum Tode führte. Die Feststellung eines direkten und ursächlichen Zusammenhangs mit dem Krieg spielte eingangs der 1950er Jahre eine wichtige Rolle bei der Beantragung einer Kriegsopfer-Hinterbliebenenrente.

Gefallen im August?
Mindestens vier Inschriften geben allerdings Rätsel auf. Bei diesen Namensnennungen auf der dritten Spalte des Ehrenmals ist die Rede davon, dass die Männer als Kriegsopfer gefallen seien nach der Kapitulation, nämlich in der zweiten Maihälfte, im Juni, im Juli und im August 1945.
Aus deutscher Sicht soll die letzte größere Schlacht des 2. Weltkriegs in Kurland (heute ein Teil von Lettland) am 22. Mai 1945 stattgefunden haben, als die Überreste des 6. SS-Armeekorps (300 Mann) versuchten durchzubrechen. Isolierte deutsche Brigaden sollen sich der Roten Armee noch bis Juli 1945 widersetzt haben.
Gehörten die Ehrentruper Gefallenen zu diesen Heeresteilen? Oder handelt es sich einfach um einen Fehler beim Gravieren der Gedenktafel? Vielleicht auch eine Falschinformation? Denn von letzten Gefechten mit Beteiligung deutscher Soldaten im August 1945 ist in den Geschichtsbüchern nichts verzeichnet.

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