Den Schicksalen Gesichter geben

Den Schicksalen Gesichter geben Historisches Jahrbuch 2019: Fotos gesucht von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen

Lage. Seit Kriegsbeginn im September 1939 wurde die lippische Wirtschaft auf die Kriegsbedürfnisse ausgerichtet und, wo es möglich war, in die Rüstungsproduktion einbezogen. Sowohl in der Industrie als auch im Handwerk und in der Landwirtschaft wurden in großer Zahl Kriegsgefangene sowie ausländische Männer und Frauen als Zwangsarbeiter eingesetzt. Je länger der Krieg währte und je mehr deutsche Männer zum Militär eingezogen wurden, desto mehr Kriegsgefangene und zivile Zwangs­ar­bei­ter/innen wurden ins Deutsche Reich und auch nach Lippe geschafft aus den besetzten Ländern: Polen, Frankreich, Russland, später (ab 1943) auch Italien.
Der Historiker Dieter Zoremba, der bis zu seinem Ruhestandseintritt Ende 2018 das Stadtarchiv Blomberg leitete, hat sich intensiv mit der Geschichte der Zwangsarbeiter in Lippe und Lage beschäftigt. Seit Jahresbeginn arbeitet Dieter Zoremba an seinem Aufsatz „Zwangsarbeiter/innen und Kriegsgefangene in Lage 1939 - 1945 - Ein Werkstattbericht“, der im „Historischen Jahrbuch Lage 2019“ veröffentlicht werden soll. Das „Historische Jahrbuch“ wird nach den Worten von Verleger Dr. Hans C. Jacobs „im Herbst 2019“ erscheinen und die Reihe der zwölf bisher erschienenen Lokalchroniken fortsetzen.
Bei seinem Quellenstudium vorrangig im Staatsarchiv Detmold hat Dieter Zoremba festgestellt, dass es eine gewissenhafte Buchführung und zahlreiche schriftliche Belege zum Schicksal der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter gibt, aber kaum Fotografien oder sonstiges Bildmaterial. Deshalb seine Bitte an die Besitzer solcher Bilddokumente, sich formlos mit ihm telefonisch (05232 / 5983) bzw. per E-Mail (Dieterzoremba@web.de) oder mit Hans Jacobs‘ Lippe Verlag in Verbindung zu setzen, wenn entsprechende Fotos oder Bilder vorliegen sollten.
Dieter Zoremba und Dr. Hans C. Jacobs hoffen sehr auf die Existenz von Bildzeugnissen. Denn die Zahl der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter in Lage sei groß gewesen und man habe sie im Stadtbild auch bemerkt. Zum Beweis verweist Zoremba auf eine Passage in Fritz Geises zeitgeschichtlicher Kriegschronik „Die Stadt Lage und der Zweite Weltkrieg“. Dort schreibt Geise:
„Bei der Post standen etwa 20 Russen, die schwere Kabelrollen verladen mußten. Ein paar Frauen schleppten ihr Gepäck zur Bahn und plauderten in fremden Zungen. Auf der Gartenstraße marschierte unter der Bewachung eines deutschen Soldaten eine Abteilung französischer Gefangener zum Arbeitsdienst. Vor mir gehen zwei Japaner, die zum Technikum wollen. An der Bruchstraßen-Ecke steht eine Gesellschaft von Weibsleuten mit bunten Kopftüchern und Schürzen. Ich habe sie gefragt 'Aus Polen?' Darauf antworteten sie: 'Nichts Polack! Ukraine.' Sie sind wohl irgendeiner Fabrik zugewiesen. Alle Gespannführer und -begleiter, die vom Lande durch unsere Stadt kommen, tragen vorne entweder das P oder die beiden Buchstaben SU auf dem Rücken. Es sind Polen oder Russen. Die sechs Leute in den braunen Mänteln, die mit ihren beladenen Karren soeben in die Heidensche Straße einbiegen, sind sicherlich französische Soldaten.“
Auch wenn es eher unwahrscheinlich sei, dass Fritz Geise die von ihm beschriebenen Ausländergruppen wirklich bei nur einem Gang durch die Stadt angetroffen habe, analysiert Dieter Zoremba, so verdeutliche die Passage dennoch, dass zahlreiche Ausländer nach Lage zum Arbeiten hereingeholt worden seien. Die ersten Unterkünfte für sie seien bis Jahresende 1939 eingerichtet worden. Dieter Zoremba und Dr. Hans C. Jacobs sind nicht nur an Fotos der Gefangenen und Zwangsarbeiter interessiert, sondern auch an Bildern der Unterkünfte und Arbeitsstätten (Firmen, landwirtschaftliche Betriebe usw.).
Unterkünfte
Zoremba: „Bis zum Jahresende 1939 wurden auf Lagenser Gebiet dann tatsächlich folgende Lager eingerichtet: in Heiden im Konfirmandensaal der evangelischen Kirche mit 31 Gefangenen; in Hörs­te im Kötterhaus Stork mit 17 Gefangenen; in Müssen in der Gastwirtschaft Böke mit 18 Gefangenen; in Pottenhausen in der Gastwirtschaft Tasche mit 17 Gefangenen und in Kachtenhausen im Wurstekrug mit 38 Gefangenen. Die Gefangenen waren in den Sälen der Gastwirtschaften untergebracht und wurden von Wehrmachtssoldaten bewacht. Sie wurden morgens auf die Höfe zur Arbeit gebracht und kehrten abends in die Lager zurück.
Um Fluchten zu verhindern, waren die Fenster der Säle, zum Teil auch das gesamte Gebäude mit Stacheldraht bewehrt. Im April 1940 wurden zudem 40 Gefangene in der Lagenser Gastwirtschaft Huneke untergebracht. Sie waren bei Gleisbauarbeiten in Sylbach eingesetzt.
Fast zeitgleich zu den Kriegsgefangenen trafen auch in Polen rekrutierte zivile Arbeitskräfte in Lippe ein.
Die leider nicht vollständig erhaltenen Transportlisten lassen den Schluss zu, dass zumindest auf allen mittleren und größeren Höfen der heutigen Lagenser Ortsteile polnische Zwangsarbeiter arbeiteten.“
Nach dem Frankreichfeldzug (10. Mai bis 25. Juni 1940) seien bis Mitte September 1940 mehr als 400 französische Kriegsgefangene in 16 Lagern in Lippe untergebracht worden, davon mindestens zwei auf Lagenser Gebiet. Dieter Zoremba: „Das eine befand sich bei der Firma Bergmann in Kachtenhausen mit 64 Gefangenen und das zweite im Konfirmandensaal in Heiden mit 34 Gefangenen, wo vorher die polnischen Kriegsgefangenen untergebracht waren. Später kamen noch weitere französische Arbeitskräfte in der Stadt selbst hinzu, von denen 30 bei der Lagenser Niederlassung der Firma Focke-Wulf arbeiteten, weitere unter anderem bei der Schlachterei Siekmann und in der Molkerei.“

Arbeitsstätten
Der langjährige Blomberger Archivar hat herausgefunden, dass während der Kriegsjahre ausländische Arbeitskräfte bei mehr als einem Dutzend Lagenser Firmen tätig waren; unter anderem bei der Polstergestellfabrik Bergmann (Kachtenhausen), bei der Konservenfabrik Vahrmeyer und Kruse (Ehrentrup, Vorgänger von Lubella), bei der Gemüsetrocknerei K. Ostmann (Kachtenhausen), bei der Maschinenfabrik Recker (Lage), bei der Metallverarbeitung Reiche und Co. (Lage) und bei der Mühle Altrogge (Lage). Etwa 15 Prozent der deutschen Lagenser Gesamtbevölkerung (in der Regel Männer im wehrfähigen Alter) seien in den Krieg eingezogen und durch etwa 10 Prozent (bezogen auf die Gesamtbevölkerungszahl) „Fremdarbeiter“ ersetzt worden.
Dieter Zoremba und Dr. Hans C. Jacobs: „Wir reden also über eine recht große Anzahl von Menschen, so dass es nicht unwahrscheinlich ist, dass sie und ihr Umfeld fotografiert wurden. Bilder sind sehr wichtig, um der Geschichte dieser Menschen ein Gesicht zu geben und um zu zeigen, dass es sich um viele Einzelpersonen handelt, denen oft großes Leid zugefügt wurde.“

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