Vom ländlichen Durchgangsbahnhof zum Knotenpunkt

Vom ländlichen Durchgangsbahnhof zum Knotenpunkt Neues Standardwerk: Eisenbahn in Lage (Lippe) - Die Geschichte des größten lippischen Bahnhofs

Lage. Seit 128 Jahren, nämlich seit dem Herbst 1880, ist Lage an das Eisenbahnnetz angeschlossen. An Silvester 1880 fuhr der erste Zug von Herford über Lage nach Detmold. Seither spielt die Bahn für Lage eine außerordentlich wichtige Rolle. Aber auch Lippe wird seit fast 140 Jahren vom Schienenverkehr geprägt.
Konrad Soppa, der im Jahr 2010 mit dem August-Kluckhohn-Preis ausgezeichnet wurde für zahlreiche historische Studien und Veröffentlichungen zur Geschichte des Eisenbahnwesens in Lippe und Lage, hat sein in den vergangenen knapp 20 Jahren gesammeltes „Eisenbahnwissen“ verdichtet und es in Buchform veröffentlicht. „Eisenbahn in Lage (Lippe) - Die Geschichte des größten lippischen Bahnhofs“ heißt das im Lippe Verlag erschienene Buch. Zusammen mit dem Historiker und Verleger Dr. Hans C. Jacobs stellte Konrad Soppa die Neuerscheinung vor im Technikum am Freitag 31. August 2018.
Das Buch beleuchtet das Entstehen der Eisenbahnstrecken in der Region. Es widmet sich der Bedeutung der Bahn für Lage und beschreibt so ein wichtiges Stück Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Konrad Soppa zeichnet eindrucksvoll nach, welche Spuren die Eisenbahn in der Lagenser Stadtgeschichte hinterlassen hat.
Die Eisenbahn hat Lage verändert - möglicherweise mehr als andere Städte und Gemeinden in Lippe. Zum Beispiel ist die Eisenbahn eine wichtige Wurzel der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde. Die Zahl der Lutheraner stieg in Lage in den achtziger und neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts stark. Denn im Zusammenhang mit dem Ausbau der Bahnlinien siedelten sich viele Bahnbedienstete aus dem lutherischen Hannover und Westfalen mit ihren Familien in Lage an. Konsequenterweise wurde am Pfingstmontag, 30. Mai 1898, der Grundstein gelegt für die erste lutherische Kirche in Lage, und zwar am Sedanplatz, in Sichtweite des Bahnhofs …
Konrad Soppa hat in seinem Buch nicht nur sein Wissen, sondern auch die breit gestreuten historischen Kenntnisse anderer aufgegriffen und zusammengefasst. So hat beispielsweise Uwe Genz, von 1978 bis 2010 Vorsitzender des Vereins Eisenbahnfreunde Lippe, vor knapp einem Jahrzehnt die Lagenser Eisenbahngeschichte skizziert. Kurz nach der Reichsgründung, nämlich in der Zeit 1872/73, begann man mit den Vermessungsarbeiten und der Trassierung der Strecke Herford - Detmold. In diese Zeit fällt auch die Festlegung des Bahnhofstandortes. Zu jener Zeit war es aus Kos­tengründen üblich, neue Trassen und Bahnhöfe auf unbebauten Flächen zu errichten. Im Bereich des Sedanplatzes, des Bahnhofs und bis hin zur heutigen Elisa­bethstraße lag damals unbebaut die sogenannte Lagenser Heide. Dieses Areal wählte man für den Standort des Bahnhofs aus. Eine größere Entfernung zum Stadtkern nahm man in Kauf.
Der erste Lagenser Bahnhof erhielt eine eigene Zufahrt von der Lemgoer Straße aus. Die heutige Kastanienallee an der Bahnhofstraße ist einer der letzten Zeugen der einstigen Zufahrtstraße. Das gesamte Areal des Bahnhofs war mit einem Entwässerungsgraben umgeben. Wollte man vom heutigen Sedanplatz kommend den Bahnhof erreichen, musste man eine Holzbrücke benutzen, um den Graben zu überqueren. Der erste Bahnhof in Lage bestand aus einem eingeschossigen Fachwerkbau. Es gab zwei Gleise: eines in Richtung Detmold, eines in Richtung Herford.
Im Jahr 1884 eröffneten Landwirte aus Lippe die Lippische Zuckerfabrik AG. Das Unternehmen erhielt sogleich einen eigenen Bahnanschluss. Heute erinnert eine Lokomotive vor der Zuckerfabrik an der Heidenschen Straße an jene Zeit.
Damals begannen Planungen, von Bielefeld über Lage nach Hameln eine Bahnstrecke zu bauen. Die Verhandlungen zwischen Preußen und Lippe liefen darauf hinaus, zwischen Lage und Hameln mit dem Bahnbau zu beginnen. Nun entwickelte sich der Bahnhof Lage zu einem Bahnknoten in Lippe bzw. zum „größten lippischen Bahnhof“, wie es im Untertitel von Konrad Soppas Buch heißt. Lemgo erhielt 1896 einen Bahnanschluss nach Lage. Am 1. November 1896 konnte man mit der Bahn von Lage bis Barntrup fahren, ein Jahr später bis nach Hameln.

1902: Bahnhofsneubau
Doch Bielefeld war immer noch nur über Oerlinghausen mit der Postkutsche erreichbar, oder man musste über Herford nach Bielefeld fahren. Um 1900 erkannte man, dass in Anbetracht der zukünftigen Streckenerweiterung nach Bielefeld etwas geschehen musste. Gleisanlagen und Gebäude entsprachen nicht mehr den täglichen Anforderungen. Es wird in jener Zeit von einer Baufälligkeit des Bahnhofsgebäudes berichtet. Südlich des bisherigen Gebäudes, das bis 1902 abgerissen wurde, entstand in Klinkerbauweise der neue Bahnhof, der 1902 eröffnet wurde.
Außerdem wurden zwei Inselbahnsteige gebaut für die nun insgesamt fünf Gleise (je zwei an einem Inselbahnsteig plus das Hausgleis am Bahnhofsgebäude). Ursprünglich war vorgesehen, wie Konrad Soppa berichtet, zwischen den beiden Inselbahnsteigen zusätzlich ein „bahnsteigloses“ Gleis für durchgehende Güterzüge zu verlegen.

Bahnsteig-Fehlplanung
Davon nahm man wieder Abstand, weil dann die Inselbahnsteige zu schmal geworden wären, insbesondere für die zahlreichen Wanderziegler und ihr Gepäck. Das Güterzuggleis entfiel ersatzlos und die bereits gebauten Inselbahnsteige wurden nachträglich verbreitert. Dumm nur, dass die Bahnsteigüberdachungen („Bahnsteighallen“) bereits standen. Die Überdachungen standen nun nicht mehr mittig auf dem Bahnsteig. Sie waren zu schmal geworden für die verbreiterten Bahnsteige und wurden deshalb schon im Jahr 1903 ersetzt. Ein Foto, das auf dem Einband von Soppas Buch zu sehen ist, zeigt diesen kurzen Moment der Lagenser Bahnhofsgeschichte. Zu sehen sind u.a. das Hausgleis, die vier Bahnsteiggleise und die verbreiterten Inselbahnsteige mit den schmalen bzw. „asymmetrischen“ Bahnsteighallen.
Die Überdachungen der Inselbahnsteige wurden erst im Sommer 2014 im Zuge der Bahnhofsneugestaltung erneuert. Die Überdachung des Hausbahnsteigs zeigt sich noch heute im Originalzustand des Jahres 1902.

1904: „Echter“ Knoten
Im Zuge der Bahnhofserneuerung 1902 wurden auch städtebauliche Maßnahmen ergriffen. Es entstanden in jener Zeit die heutige Bahnhofstraße, die Friedrich-Ebert-Straße und der Prunkpark Sedanplatz. Nun war der Bahnhof Lage zum größten Bahnhof in Lippe aufgestiegen. Am 1. Oktober 1903 wurde der erste Zug von Lage nach Oerlinghausen feierlich verabschiedet. Bis zur Eröffnung der Gesamtstrecke nach Bielefeld musste man ein weiteres Jahr warten. Dieser Streckenabschnitt wurde am 1. Oktober 1904 eröffnet und Lippe hatte seinen Bahnknoten. Nun fuhren auch Züge von Bielefeld nach Hameln durch. In den kommenden Jahren vor dem ersten Weltkrieg nahmen der Personen- und Güterverkehr weiter stark zu. Immer länger mussten auch die Bahnübergänge zum Unmut der Bevölkerung wegen der vielen Zugbewegungen geschlossen bleiben. So erhielt der Bahnübergang an der Lemgoer Straße eine Unterführung für Fußgänger, die heute in erneuerter Form noch besteht.
In der Zeit der großen Arbeitslosigkeit wurde um 1928 darüber nachgedacht, die Bahn in Lage, wie 1895 in Detmold geschehen, höher zu legen, um die Verkehrssituation an den Lagenser Bahnübergängen zu entschärfen. Daraus wurde jedoch nichts. 1978 wurde für den Autoverkehr die „Hochstraße“ bzw. „Hochbrücke“ freigegeben. Bis dahin musste man täglich geduldig an der Schranke warten, für die der Volksmund sich den treffenden Namen „Glück-auf-Schranke“ einfallen ließ.
Konrad Soppas „Eisenbahn in Lage (Lippe)“ gibt es regulär im Buchhandel, auch beim Postillon. Das Buch hat 268 Seiten und kos­tet 21 Euro.

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