Walter Pfaff: „Führende Stellung in der Bundesrepublik“

Lage-Ohrsen-Ehlenbruch.
Das Wochenende 20. und 21. August 2022 wird für Ohrsen-Ehlenbruch ein historisches Wochenende - im doppelten Wortsinn. Der Bürgerverein feiert an diesem Samstag und Sonntag nicht nur das traditionelle Spielplatzfest (weiterer Bericht in der nächsten Postillon-Ausgabe), sondern auch das Jubiläum „50 Jahre Bürgerverein“.
Eigentlich sollte das Spielplatzfest als 60. Spielplatzfest bereits vor zwei Jahren gefeiert werden, aber weil Corona damals einen Strich durch die Rechnung machte, findet das Fest jetzt statt unter dem Motto „60 + 2 Jahre“. Und wenn das Schicksal einen geringfügig anderen Lauf genommen hätte, dann könnte der Bürgerverein an diesem Wochenende sogar noch an ein drittes Geschichtsdatum erinnern, denn laut Satzung möchte der Verein das „kulturelle Leben des Ortsteils Ohrsen-Ehlenbruch (…) erhalten“ und „die örtliche Heimatarbeit (…) fördern“. Das dritte Geschichtsdatum ist das Jahr 1921, das Gründungsjahr der Firma Echterhölter vor 101 Jahren.
Die Erinnerung an „100 + 1 Jahre Echterhölter-Gründung“ ist nicht belanglos oder aus der Luft gegriffen, da die Entwicklung Ehlenbruchs und auch die des Bürgervereins über viele Jahre hinweg eng mit der Firma Echterhölter verbunden waren. Insofern nimmt das 1921 gegründete Unternehmen Gebr. Echterhölter einen nicht unbedeutenden Platz ein in der jüngeren Geschichte Ehlenbruchs. Rainer Echterhölter (geb. 2. August 1942, gest. 9. Oktober 2018) war nicht nur letzter Chef des 2006 insolvent gegangenen Unternehmens für die Produktion und den Handel mit Haarschmuck, Kämmen, Haarbürsten und Toilettenartikeln, sondern er war auch Gründungsmitglied und langjähriger erster Vorsitzender des Bürgervereins Ohrsen-Ehlenbruch.
Die Spuren des Unternehmens Echterhölter sind bis heute deutlich sichtbar, wenn man auf der Ehlenbrucher Straße, aus Kachtenhausen kommend, den Ortseingang passiert: Links und rechts der Straße stehen noch die früheren Gewerbeimmobilien. Auf der linken Seite in modern renovierter Form als August-Hermann-Francke-Grundschule, auf der rechten Seite in der Gestalt der größtenteils noch zeitgeschichtlichen Produktionsräume.
Auf die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der früheren Zelluloidwarenfabrik Gebr. Echterhölter machte im Jahr 1957 der frühere Volks- und Grundschullehrer sowie Lokalhistoriker und Heimatkundler Walter Pfaff (1914 - 2004) aufmerksam. In seiner Lokalgeschichte „Die Gemarkung Ohrsen in Lippe“ (erschienen 1957 im Selbstverlag des Geographischen Instituts der Universität Münster und der Geographischen Kommission für Westfalen) heißt es auf den Seiten 96 und 97:

Walter Pfaffs Chronik
„Angeregt durch die gut gehende Zelluloidwarenindus­trie in Schötmar, eröffnete im Jahre 1908 Wellmeier Nr.25 auf seinem Grundstück in Ohrsen eine Fabrik für Kämme und Haarschmuck. Der Betrieb ging 1910 durch Verkauf an die Firma „Knigge und Lindloff“ über, die durchschnittlich 35 - 40 Arbeiter beschäftigte. 1925 kaufte Wellmeier die in Schwierigkeiten geratene Firma zurück und betreibt seither einen Großhandel mit Zelluloidwaren.
Aus kleinen Anfängen entwickelte sich seit 1921 die Zelluloidwarenfabrik der Gebr. Echterhölter in Ehlenbruch. Die Inhaber der Firma, deren Vater als Ziegelmeister bis nach Bornholm und RußIand kam, waren in jüngeren Jahren selbst noch Ziegler. Durch ihre spätere Tätigkeit bei der Firma Knigge und Lindloff sammelten zwei der Gebrüder genügende Erfahrungen, um sich 1921 selbständig machen zu können. Mit dem dritten Bruder zusammen wurde die Arbeit zunächst auf der elterlichen Stätte Nr.17 aufgenommen. 1923 konnte das Unternehmen bereits in einen kleinen Neubau auf dem jetzigen Fabrikgelände einziehen.
Die Firma entwickelte sich zu einem kleinen Großbetrieb, der 1950 nach den Rückschlägen durch Krieg und Kriegsfolgen wieder 53 männliche und 47 weibliche Arbeitskräfte beschäftigte. Dazu kamen 15 Heimarbeiter. Gegenwärtig zählt die Firma 180 ständige Arbeitskräfte. In der Saison für die Sonnenbrillenherstellung, die neben der Herstellung von Kämmen und Haarspangen seit 2 Jahren in das Produktionsprogramm aufgenommen wurde, steigert sich die Zahl der Beschäftigten in der Zeit zwischen Januar und Juni auf etwa 225.
Seit 1929 schenkte man dem Exportgeschäft besonders nach den skandinavischen Ländern Aufmerksamkeit. Nach dem Kriege konnten die Verbindungen mit den Beneluxländern ausgeweitet werden, aber auch in der Schweiz, Österreich, Portugal, Griechenland bis nach Südamerika und Australien fanden sich Abnehmer.
Durch gute Qualitätsarbeit mit einem bedeutenden Umsatz wuchs der Familienbetrieb zum größten seiner Art in Lippe und errang sich eine führende Stellung in der Bundesrepublik.

Echterhölter als Vorbild
Vor dem 2. Weltkrieg machte sich 1934 ein 2. Zelluloidwarenunternehmen, die Firma Wilhelm Künsting, in der Gemeinde ansässig. Der Inhaber der Firma arbeitete sich vom Arbeiter in der Echterhölterschen Fabrik zum Leiter eines eigenen Betriebes empor. Nachdem die Fabrik 1940 - 1948 stillgelegen hatte, da der Inhaber zur Wehrmacht eingezogen war und nach Kriegsende zu wenig Rohmaterial zur Verfügung stand, konnte die Produktion erst nach der Währungsreform 1948 wieder voll aufgenommen werden. 1950 bot die Firma, die ebenfalls Kämme und Haarspangen herstellt, 15 männlichen und 18 weiblichen und 7 Heimarbeitern Arbeit und Verdienst. Das Unternehmen wuchs zu einem kleinen Mittelbetrieb, der augenblicklich durchschnittlich 40 ständige Arbeitskräfte zählt. Der Absatz wird durch Geschäftsverbindungen nach Holland, den skandinavischen Ländern, der Schweiz und Griechenland gefördert.
Kämme im Internet
Beide Firmen modernisierten nach der Währungsreform 1948 ihre Produktionsstätten durch Um- und Neubauten und schufen damit neue Arbeitsplätze, die zu einem hohen Prozentsatz Flüchtlingen und Kriegsversehrten zugutekamen.
1950 waren unter den Arbeitskräften der Gebr. Echterhölter 31 Prozent Flüchtlinge und 7 Prozent Kriegsversehrte. Bei der Firma W. Küns­ting entfiel sogar ein Anteil von 39,3 Prozent der Belegschaft auf Flüchtlinge und von 9 Prozent auf Kriegsversehrte.“
Im Internet lebt das Unternehmen Echterhölter in gewisser Weise weiter. Auf großen Online-Handelsplattformen werden „Echterhölter-Kämme handgesägt“ noch immer als Neuware angeboten - zuweilen versehen mit dem Zusatz: „Schnell zugreifen. Leider produziert dieser Hersteller nicht mehr.“

Zurück